Irgendwann war es so weit. Meine Eltern hielten es für an der Zeit, dass ich „unter Leute“ kam – oder besser gesagt: in den Kindergarten. Es war der Kindergarten St. Josef in Kamp-Lintfort, ein Haus mit Geschichte, mit Tradition, mit… Nonnen!
Ich war vielleicht vier Jahre alt, als meine Mutter mich zum ersten Mal dort hinbrachte. Die schwere Tür, das Gemurmel hinter den Wänden, der Geruch von Wachsfarben, Linoleum und warmem Grießbrei – all das war mir fremd. Aber ich war neugierig. Noch.
In dieser ersten Woche war ich vor allem: still. Ich beobachtete. Wer macht was? Wann wird gespielt? Warum tragen die Kindergärtnerinnen lange Gewänder mit Schleier? Ich wusste nichts von der katholischen Erziehung, von der Kindergartenbewegung oder von der engen Zusammenarbeit mit den Eltern. Ich wusste nur: Hier ticken die Uhren anders als zu Hause. Und anders als im Krankenhaus und in der Reha, wo ich durch meine Kinderlähmung schon früh erfahren hatte, was Trennung von den Eltern bedeutet.
Aber hier im Kindergarten war das etwas anderes.
Der Tag war streng getaktet. Es gab feste Rituale, klare Strukturen, und jeden Tag ein neues Bastelprojekt. Die anderen Kinder tobten draußen herum, stürmten die Klettergerüste – und ich? Ich konnte da nicht mithalten, meine Beine spielten da einfach nicht mit. Stattdessen sollte ich mit einer Stecknadel die Konturen eines Bildes nachstechen. Wieder und wieder. Ganz ehrlich: Das wurde schnell langweilig.
Nach einer Woche war meine Geduld erschöpft.
Ich wollte nicht mehr. Jeden Morgen dasselbe Drama: Tränen, Bitten, Widerstand.
Meine Mutter war ratlos. Warum weinte ich jetzt, wo ich doch am Anfang so ruhig gewesen war? Also sprach sie mit meiner Kindergärtnerin, einer geduldigen Schwester mit ernstem Blick. Die sagte: „Es wäre besser gewesen, sie hätte gleich in den ersten Tagen geweint. Dann hätte sie den Trennungsschmerz verarbeitet. Aber so…“
Aber so… hatte ich still registriert, dass hier ein anderer Wind wehte. Ich kannte Trennung. Aber ich kannte keine strengen Ansagen. Und was mich störte, waren diese kleinen Befehle:
„Mädchen, sitze ordentlich mit geschlossenen Knien!“
„Jetzt ist Nadelarbeit.“
„Wir gehen raus zum Spielen!“
Ich dachte nur: Ich möchte aber nicht!
Und dann kam der Tag, an dem ein Fotograf den Kindergarten besuchte.
Ein besonderes Ereignis! Für mich allerdings eines der weniger erfreulichen. Ich wurde auf einen Stuhl gesetzt, wahrscheinlich – natürlich – mit schön geschlossenen Knien. Eine der Schwestern näherte sich mit einem Kamm. Und noch ehe ich mich wehren konnte, hatte ich einen Mittelscheitel.
Was für eine Frechheit! Meine Mutter und ich hatten doch eine ganz andere Vorstellung von meiner Frisur – mit schrägem Pony und Seitenscheitel. Ihre Freundin war schließlich die Friseurin im Ort! Das Foto, das an diesem Tag entstand, erzählt die Geschichte meiner Empörung deutlicher als jeder Text.

Und doch – ich blieb.
Ich gewöhnte mich langsam an das Leben im Kindergarten. Nicht alles war schlecht. Es wurde auch gesungen, gelacht, gebastelt, gefeiert. Und ich fand meinen Platz, auch wenn ich nicht auf Spielgeräte klettern oder im Kreis rennen konnte.
Meine Mutter war weiterhin eng mit den Erzieherinnen im Austausch, wie sie mir später erzählte. Sie war mein Anker in dieser neuen Welt, mein ruhiger Rückhalt.
Heute, viele Jahre später, bin ich immer noch kein „Herdentier“. Ich liebe meinen eigenen Rhythmus, meinen Individualismus, den ich auf Reisen auch auslebe. Und doch weiß ich: Auch ein Gesellschaftsspiel funktioniert nur mit Regeln – und unsere Gemeinschaft lebt von einem gewissen Miteinander.
Vielleicht hat mein Kindergartenleben genau das vorbereitet: Dass man auch in einer Gruppe ganz man selbst sein darf – mit schrägem Pony, einer eigenen Meinung, und einem offenen Herzen.