Gudruns Traum

Bad Kreuznach, den 14. September 2023

 

Liebste Elfriede!

 

Dein letzter Brief hat mich sehr gerührt, und ich bete zum lieben Gott, daß es dir mit deinem Bein nun wirklich besser geht. Man wird ja nicht jünger, nicht wahr? Wir Altchen müssen gut auf uns achtgeben, sonst heißt es am Ende noch, der Hans aus der Nachbarschaft hat schon wieder den Löffel abgegeben. Aber laß uns nicht gleich vom Unglück reden. Mein Kopf ist nämlich seit gestern Abend ganz wirr von einem gar sonderbaren Traum, den ich dir unbedingt erzählen muß, ehe ich ihn vergesse. Er geht mir nicht aus dem Sinn, so befremdlich war er.

Wir saßen bei Tisch, viele Bekannte waren dabei, und auch diese Zugezogenen, von denen man ja so viel hört. Es ging, wie so oft, um deren Sitten und Gebräuche, und wir redeten, wie man das eben macht, mit spitzer Zunge darüber. Wir waren felsenfest davon überzeugt, daß wir im Recht waren. Doch im Traum hatte ich das merkwürdige Gefühl, daß wir ein Brett vorm Kopf hatten. Wir tadelten sie, aber unsere Worte klangen hohl, so als würden wir auf dem Holzweg sein und die Sache gar nicht richtig begreifen.

Die Zugezogenen, weißt du, die hörten uns erst kochend vor Wut zu, so daß man einen Affront  förmlich spüren konnte. Dann aber, das war das Seltsame, hörten sie auf, sich aufzuregen. Sie verzogen nur noch die Mundwinkel, fast mitleidig, und fingen an zu lächeln, so resigniert, als wüßten sie etwas, daß uns verborgen blieb. Es war ein Lächeln, daß mich bis ins Mark fror, weil es so gar nicht ehrlich wirkte. Ich dachte mir sofort: Die führen etwas im Schilde.

Und dann, Elfriede, kam der Clou. Mitten im Mahl, wo man eigentlich Brot bricht und Frieden hält, verkündeten sie uns wie aus heiterem Himmel: „Sie haben uns überzeugt! Ab heute halten wir uns an alle Ihre deutschen Gewohnheiten und Bräuche. Wir sind bekehrt.“

Du hättest die Gesichter sehen sollen. Wir, die wir so fest auf unserer Position beharrten, wir waren konsterniert. Uns wurde unheimlich, Elfriede, uns wurde ganz schlecht zu Mute. Wir hatten gewonnen, aber es fühlte sich an, als hätten wir alles verloren. Wir sahen uns nur noch fragend an, und ich dachte: Das ist ja grauenhaft, was machen die jetzt? Wir wußten auf einmal nicht mehr, was wir uns eigentlich wünschten. Wir waren so perplex, daß wir am liebsten sofort die Kurve gekratzt hätten, einfach fort, nur weg von diesem Tisch.

Ist das nicht verrückt? Erst streitet man um Sitten und Gebräuche, und wenn der Gegner dann kapituliert, fühlt sich der Sieger selbst besiegt und bloßgestellt. Was meinst du dazu? Ich hoffe, du kannst mir in deinem nächsten Brief etwas Licht in diese düstere Träumerei bringen. Oder bin ich die Einzige, die solche verworrenen Sachen träumt?

Bleib mir ja gesund und paß auf dich auf. Das ist das Wichtigste, was wir in unserem Alter noch haben.

 

Ganz herzliche Grüße und bleibe gesund,

 

Deine treue Gudrun

Über @evteleg

Avatar-FotoDer Autor wurde 1967 geboren und wuchs im Ural auf, wo sich bis heute eine seiner geistigen Hochburgen befindet. Er studierte Religion, Ingenieurwesen, Sprachen und Kunst. Nach seinem Studium am Polytechnikum wurde er Erzähler, Übersetzer und Dichter. Musiker wurde er nicht, da man dafür am medizinischen Institut ausgebildet wurde. Seine Texte werden oft in der ursprünglichen Autorenfassung veröffentlicht – mit seiner individuellen Zeichensetzung, seinem Wortschatz und seinem Satzbau.