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Silvester rückt näher

Nürnberg, am Tage nach Heilige Drei Könige 2025

 

Meine teuerste, hochverehrte Gudrun,

Dein letztes Schreiben hat mich tief bewegt und, ich muß es gestehen, in eine nachdenkliche Unruhe versetzt. Dein Traum von der sonderbaren Wandlung der Sitten dünkt mich wie ein Omen, ein düsteres Vorzeichen in dieser ohnehin so flüchtigen Zeit. Doch, meine Liebe, während Du von den Schatten des Schlafes berichtest, muß ich Dir von einer Realität kunden, die sich hier, in unserem alten, ehrwürdigen Nürnberg, in der Silvesternacht zugetragen hat und die mich mit einem Schaudern erfüllt, das noch immer nicht von mir weichen will.

Du erinnerst Dich gewiß, wie wir einst das neue Jahr begrüßten? Mit einem sachten Bleigießen, einem Glas Sekt und vielleicht, ja vielleicht, einem staunenden Blick auf die leuchtenden Sterne am Firmament, begleitet von einem frohen „Prosit Neujahr!“. Doch was ich in jener Nacht erlebte, hatte nichts mehr mit jener feierlichen Zelebrierung gemein. Es war, als hätte sich die Pforte zur Unterwelt einen Spaltbreit geöffnet.

Vom Fenster meiner Stube aus sah ich hinab auf die Gassen. Man sollte meinen, die Menschen suchten Freude, doch mit welcher Wut, mit welch finsterem Ingrimm wurde dort geböllert! Es herrschte eine klirrende Kälte, die einem das Mark gefrieren ließ, doch diese Kälte schien die Gemüter nicht abzukühlen, sondern sie vielmehr in einer starren Raserei zu konservieren. Es war kein festliches Treiben, nein. Da war kein „Hurra“, kein Jauchzen, keinerlei hörbare Freudenäußerung, die doch sonst das Herz erwärmt. Stattdessen lag eine bleierne Schwere über der Szenerie, unterbrochen nur durch die ohrenbetäubenden Detonationen.

Wer nun glaubt, es handele sich hierbei um eine Rotte ungehobelter Halbstarker, der irrt gewaltig. Ich blickte in die Gesichter von Erwachsenen, von Menschen, die, so möchte man wetten, tagsüber in verantwortungsvollen Berufen stehen, vielleicht und womöglich Ärzte, Anwälte, Beamte, Leute jeglicher Couleur und jedweder Glaubensrichtung. Doch in dieser Nacht war alle Zivilisation wie weggewischt. Ihre Mienen drückten eine solch tiefe Verbitterung, ja eine schier greifbare Verhärtung aus, daß mir angst und bange wurde. Sie zündeten ihre Feuerwerkskörper nicht, um den Himmel zu erleuchten, sondern sie feuerten sie ab mit einer Verbissenheit, als gälte es, einen unsichtbaren Feind zu vernichten.

Mir kam der schreckliche Gedanke, daß diese Männer – und auch Frauen – jene grausamen Computerspiele, von denen man heute so viel hört und die den Geist vergiften, nunmehr in die Wirklichkeit zu übertragen trachteten. Es war ein Schauspiel, das einer kriegerischen Handlung näherkam als einem Brauchtum. Sie wirkten auf mich zutiefst gewaltfreudig, und ich wage zu behaupten, daß der Schritt, statt der Böller etwas noch gefährlicheres in die Hände zu nehmen, für diese Seelen nur noch ein kleiner, kaum merklicher wäre.

Mit einer wahren Ostersinns-Wut, mit einem Eifer, der einer besseren Sache würdig gewesen wäre, pfefferten sie aus allen Rohren. Sie standen da, in den Rauchschwaden, und blickten drein, als ob sie die gesamte Menschheit, ja alles Lebendige haßten. Es war kein Funken Liebe in ihrem Tun, nur Zerstörungslust und eine kalte, mechanische Aggression.

Woher, meine liebe Gudrun, rührt dieser Haß? Woher diese Unfähigkeit zur reinen Freude? Haben wir es versäumt, den Frieden in den Herzen zu bewahren, oder ist dies der Geist der neuen Epoche, der nun sein häßliches Antlitz zeigt? Ich zog die Vorhänge zu, doch das Grollen drang noch lange in meine Stube und in meine Träume.

Möge der Herr uns beistehen und uns vor solcher Verrohung bewahren. Schreib mir bald wieder, Deine Worte sind mir stets ein Trost in dieser wunderlichen Welt.

 

In alter Freundschaft und mit herzlichen Grüßen,

Deine Elfriede

Über @evteleg

Avatar-FotoDer Autor wurde 1967 geboren und wuchs im Ural auf, wo sich bis heute eine seiner geistigen Hochburgen befindet. Er studierte Religion, Ingenieurwesen, Sprachen und Kunst. Nach seinem Studium am Polytechnikum wurde er Erzähler, Übersetzer und Dichter. Musiker wurde er nicht, da man dafür am medizinischen Institut ausgebildet wurde. Seine Texte werden oft in der ursprünglichen Autorenfassung veröffentlicht – mit seiner individuellen Zeichensetzung, seinem Wortschatz und seinem Satzbau.