Mache ich mir Gedanken, fliegen mir vielerlei Themen zu. Hier einige davon:
Warum haben wir Studios, in denen wir uns für viel Geld Haare weg lasern lassen?
Mögliche Antwort:
„Weil Haare an bestimmten Körperstellen eklig und unhygienisch sind.“
Warum lassen wir uns künstliche Fingernägel ankleben?
Mögliche Antwort:
„Weil es gerade angesagt ist und ich das auch haben will.“
Warum machen viele von uns aus dem italienischen „Ciao“ ein „Tschau-Tschau“, eigentlich eine Hunderasse, um sich zu verabschieden?
Mögliche Antwort:
„Oh, wer hat eigentlich damit angefangen?“
Plötzlich stelle ich fest, dass ich in vielen Dingen aufpassen sollte, nicht in den allgemeinen gesellschaftlichen Sog gezogen zu werden.
Ein Beispiel:
Vor 45 Jahren wollten wir mit dem Postschiff in den Norden Norwegens fahren. Unser großes Glück, eine Familie mit drei Kindern, hinderte uns damals daran.
Im Jetzt hörten wir von vielen Leuten, die mit Kreuzfahrtschiffen unterwegs sind: „Phantastisch! Das müsst ihr machen!“ „Vielleicht holen wir es jetzt nach“, überlegen wir. Nach Recherchen im Internet kommt uns das Grauen. Die Entscheidung gegen diese Reise fällt schnell. Norwegen wird überschwemmt von Touristen, unter anderem durch unglaubliche Zahlen von Kreuzfahrtschiffen!
Ich merke, dass mich diese Gedanken zu immer neuen Themen, schnell auch zu Extremen führen und sich vortrefflich eignen würden, um ins Gespräch zu kommen.
Beispiele zum Mit-denken:
Warum machen wir immer mehr Kreuzfahrten, obwohl uns gleichzeitig auch immer deutlicher vor Augen geführt wird, was für negative Folgen, z.B. für Umwelt und Tourismus, damit verbunden sind?
Mögliche Antworten:
„Weil wir als einzelne sowieso nichts ausrichten können.“
„Weil wir möglichst viel sehen wollen, natürlich mit so viel Luxus wie es geht, um dann mitreden zu können.“
„Weil wir es halt können!“
Warum verbringen wir unsere Urlaube in Ländern mit autoritären Regierungen, obwohl wir eine Diktatur selbst nicht haben wollen?
Mögliche Antworten:
„Weil wir einen preiswerten Urlaub machen wollen.“
„Davon merken wir im Urlaub nichts. Den haben wir uns verdient!“
Warum schickt unsere Regierung in unserem Namen Waffen an die ultrarechte Regierung eines Landes, das Menschen vertreibt und durch Hunger sterben lässt?
Mögliche Antwort:
„Weil die Verantwortlichen in der Regierung alles tun wollen, um unvorstellbare Grausamkeiten unserer Vorfahren wieder gut zu machen.“
Wird es jemals möglich sein, das Vergangene wieder gut zu machen? Ist es nicht auch unsere Aufgabe alles Mögliche zu tun, um in der Gegenwart Gemeinsamkeiten zu fördern?
Denke ich zu viel nach? Worüber mache ich mir eigentlich den ganzen Tag Gedanken?
Wie war das nochmal in dem alten Volkslied?
„Die Gedanken sind frei…“
Lasst uns Nach-denken.
Selbsthelferin ergänzt
Ich habe nachgedacht, weitergedacht! Und da sind mir doch noch weitere Antworten eingefallen.
Warum lassen wir uns die Haare an allen möglichen Stellen des Körpers entfernen? Warum lassen wir uns künstliche Fingernägel ankleben?
Weil uns die riesige Maschinerie der Schönheitsindustrie seit Jahrzehnten in der Werbung Normen vorsetzt. Sie gibt vor, was und wer schön ist!
Über Jahrzehnte waren nur Frauen das „Objekt ihrer finanziellen Begierde“, aber schon seit vielen Jahren werden Männer ebenfalls mit genormten Schönheitsidealen konfrontiert. Der Druck auf junge Menschen ist groß. Denn: jedeR möchte dazugehören, niemand möchte Außenseiter*in sein.
Warum machen wir Kreuzfahrten, obwohl wir wissen, welche Folgen das für die Natur und die Menschen vor Ort hat?
Weil uns eine boomende Tourismusindustrie ununterbrochen dazu animiert, neue Abenteuer in exotischen und fernen Ländern zu erleben. Denn: sie verdient gut daran!
Weil sich die Politik scheut, entsprechende Gesetze zu erlassen, die Natur und Menschen schützen würden. Denn: sie möchten wiedergewählt werden, sie möchte die Macht behalten!
Weil Menschen schon immer Abenteuer erleben, Neues kennenlernen wollten. Denken wir doch einfach mal an Christopher Kolumbus, Thor Heyerdahl, Sven Hedin, Roald Amundsen und all die anderen Entdecker*innen. Ja, sie mussten auf ihren Reisen viele Entbehrungen hinnehmen – unsere Gesellschaft ist jedoch inzwischen an einem ganz anderen Punkt angelangt.
Warum verbringen wir unsere Urlaube in Ländern mit autoritären Regierungen, obwohl wir eine Diktatur selbst nicht haben wollen?
Weil sich die Menschen dieser Länder über Tourist*innen freuen. Denn: Sie leben von den Einnahmen des Tourismus.
Weil diese Diktatoren uns glauben machen wollen, dass in ihren Ländern kein Unrecht geschieht, dass wir dort ganz ungestört Urlaub machen können.
Warum schickt unsere Regierung in unserem Namen Waffen an die ultrarechte Regierung eines Landes, das Menschen vertreibt und durch Hunger sterben lässt?
Weil eine gigantische Rüstungsindustrie sich selten bis nie an die Gesetzgebung in diesem Land gehalten hat. Denn: die Geldgier ist sehr groß!
Weil diese gigantische Rüstungsindustrie Arbeitsplätze schafft.
Weil diese gigantische Rüstungsindustrie Gelder in die Kommunal- und Staatskassen – allesamt klamm – spült.
Wird es jemals möglich sein, das Vergangene wieder gut zu machen? Ist es nicht auch unsere Aufgabe alles Mögliche zu tun, um in der Gegenwart Gemeinsamkeiten zu fördern?
Nein, wir werden es nie wiedergutmachen können. Die Gräueltaten waren zu groß.
Wir werden immer in der Verantwortung bleiben, noch über Generationen hinweg!
Aber: wir können das eine vom anderen trennen!
Da, wo heute wissentlich Leid herbeigeführt wird und Unrecht geschieht, ist jede Zivilgesellschaft in der Pflicht, dieses Unrecht zu benennen und entsprechend zu handeln. Sie ist in der Pflicht, für ein wertschätzendes Miteinander einzutreten!
Das eine widerspricht nicht dem anderen!
Ich habe in diese Richtungen weiter-gedacht! Aber sicherlich gibt es noch viele andere Perspektiven, die sich beim Weiter-denken öffnen.
* Unter dem Titel „Eins weitergedacht“ veröffentlichen wir auf dem kiss.blog regelmäßig Texte, in denen sich zwei Autor*innen zu einem bestimmten Thema zu Wort melden. Hier geht es um verschiedene Perspektiven: Mal Pro und Contra, mal Frage und Antwort, mal Aktion und Reaktion.