Immer wieder stöbere ich gerne auf dem Büchertausch-Tisch von Kiss Nürnberg. Nicht immer finde ich etwas, was mich interessiert, aber der Titel dieses Buchs hat mich sofort angesprochen. Rosa Dame – wobei wir Frauen doch alles andere als rosa sein wollen, das ist die Farbe der braven Mädchen! Aber nein, es geht um Oskar, der von einer rosa Dame, einer Ehrenamtlichen, im Krankenhaus besucht wird – das klingt interessant und auch traurig.
Beim Lesen erscheint vor mir immer wieder das Bild all der Selbsthilfegruppen, in denen sich Eltern schwerkranker oder verstorbener Kinder gegenseitig in ihren Ängsten oder in der Trauer unterstützen. Für diese und sicherlich auch für die schwerkranken Kinder könnte das Buch tröstlich sein. Zumindest ist das meine Hoffnung! Deshalb war es mir ein Anliegen, im kiss.blog ein bisschen darüber zu schreiben.
Das Buch ist in Form einzelner Briefe an Gott geschrieben. In den Briefen schreibt Oskar, all das, was er täglich erlebt, welche Gedanken er sich macht und er erzählt auch die Geschichte davor, bevor er anfing, an Gott zu schreiben.
Der 10jährige Oskar hat Leukämie und keine Behandlung hat geholfen. Aus seiner Sicht hat er deswegen den Arzt enttäuscht. Und deshalb redet auch niemand mit ihm über das Sterben, obwohl er fühlt, dass er sterben muss.
Seine Eltern kommen einmal die Woche (sie wohnen weit weg) und überhäufen ihn mit Spielen oder Kassetten, reden aber nie mit ihm über ihre Sorgen und Trauer. Sie wissen auch, dass er sterben wird – Oskar hat das Gespräch zwischen Eltern und Arzt belauscht.
Er beschimpft sie als Feiglinge.
Nur Oma Rosa, die ihn besuchen kommt, redet mit ihm über alles, was ihn bewegt.
Oma Rosa empfiehlt ihm bei einem ihrer ersten Besuche, er soll doch Briefe an Gott schreiben. Darin könne er alles erzählen – und einen Wunsch pro Tag würde Gott auch akzeptieren, aber keine materiellen Wünsche. Oskar meint zwar, er glaube nicht, dass es Gott gäbe, aber Oma Rosa überzeugt ihn davon, dass Gott beim Schreiben entstehen könne.
Dieses Gespräch findet zu Beginn der Raunächte im Dezember stattfindet. Wie eine Legende überliefert, verkörpert jeder Tag der 12 besonderen Tage in der Zeit der Raunächte das Wetter für die 12 Monate im nächsten Jahr. Deshalb ermuntert Oma Rosa Oskar, in der wenigen Zeit, die ihm noch bliebe, in seiner Vorstellung sein ganz Leben im Eiltempo zu durchleben. Jeder Tag stehe für 10 Jahre. Oskar gefällt die Idee.
In seinen Briefen an Gott beschreibt er, wie er die Pubertät im Krankenhaus erlebt. Er hat ein paar Freund*innen unter den anderen kranken Kindern gefunden: Bacon, der schwere Brandverletzungen hat, Popcorn, der kolossal übergewichtig ist und Diabetes hat, Einstein, der aufgrund eines Hydrocephalus in der Klinik ist und Peggy Blue, deren Haut vermutlich aufgrund eines Herzfehlers bläulich schimmert.
Auf unerbittliches Drängen von Oskar bekommt Oma Rosa die Sondererlaubnis, Oskar täglich zu besuchen. Sie philosophieren über die jeweiligen Lebensphasen, Oma Rosa erzählt aus ihrem abenteuerlichen Leben als Catcherin, in dem sie so gut wie jeden Kampf gegen die berühmtesten Catcherinnen gewonnen hat.
Mehrmals fragt er Gott in den Briefen nach seiner Adresse, aber offensichtlich ist das dann doch nicht so wichtig. Er äußerst immer wieder Wünsche, die auch fast alle in Erfüllung gehen, da Oskar ein hervorragender Beobachter ist.
Zwischen 20 und 30 heiratet er Peggy Blue, weil er schrecklich in sie verliebt ist. Sie entscheiden sich gegen Kinder, weil sie ja beide krank sind. Peggy Blue wird noch vor Weihnachten operiert und er wacht zusammen mit seinen Schwiegereltern an deren Bett bis sie wieder aufwacht.
Weihnachten haut er aus dem Krankenhaus ab und verbringt den Tag mit Oma Rosa bei ihr daheim. Da die Eltern ihn gesucht hatten, kommen sie mit dazu und endlich reden sie alle über die Ängste, die Trauer und das Sterben. Die Eltern können bei Oma Rosa schlafen, damit sie Oskar jeden Tag besuchen können.
Oskar wird alt und immer müder, Peggy Blue wird gesund entlassen. Das ist leider einer der Wünsche, die ihm Gott nicht erfüllt – er hätte sie gerne noch länger um sich gehabt. Er bleibt allein zurück. Wobei ihn seine Eltern und Oma Rosa natürlich weiterhin besuchen.
Mit 90 mag er nicht mehr aufstehen, aber dafür begegnet ihm in der Morgendämmerung tatsächlich Gott, was er sich so sehr gewünscht hat. Gott lässt den Tag entstehen und Oskar nimmt ihn darin wahr.
Mit 110 stirbt er, zufrieden zurückblickend auf ein langes und ereignisreiches Leben.
Besonders berührt hat mich der letzte Brief im Buch, der von Oma Rosa an Gott geschrieben wird:
„Mein Herz ist voller Trauer, Oskar wohnt in ihm, ich kann ihn nicht daraus vertreiben. Ich muss meine Tränen für mich behalten, jedenfalls bis heute Abend, weil ich meinen Kummer nicht messen möchte mit dem unermesslichen seiner Eltern.
Vielen Dank, dass du mich Oskar hast kennenlernen lassen. Dank seiner war ich fröhlich, ich habe Märchen erfunden, ich wurde sogar Expertin im Catchen. Ich bin so voll von Liebe, dass es mich verbrennt, hat er mir doch so viel davon gegeben, dass sie mich die paar Jahre, die mir noch bleiben, erfüllen wird.“
Autor: Eric-Emanuel Schmitt, franz.-belgischer Schriftsteller, 65 J. alt, bekannt auch durch sein Buch „Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran“
Fischer-Verlag, 2003 auf Deutsch erschienen
Für wen geeignet: Ich würde sagen, so etwa ab 10 Jahre, aber auch für Jugendliche und Erwachsene.