Bild: pexels (Carolina Basi)

Wenn wir nur wollen, können wir Berge versetzen

Heute morgen, kurz vor dem Aufstehen, habe ich beschlossen, wieder mehr Schwung in unsere Selbsthilfegruppe „Einsamkeit war gestern“ zu bringen. Ursprünglich war es mir egal, zu welchem Thema die Gruppe sich traf – ich wollte einfach raus aus der Einsamkeit. Ich wollte mich mit anderen Menschen über alles mögliche unterhalten, ich wollte etwas mit ihnen unternehmen. Sprich: Ich suchte dringend Gemeinschaft!

Schließlich lebe ich in einer Großstadt. Tausende Menschen leben rund um mich rum, hunderten begegne ich täglich in der U-Bahn, Dutzende stehen mit mir in der Schlange an der Kasse – da wird es doch wohl ein paar geben, die sich mit mir treffen wollen!

So war meine Vorstellung.

Und dann habe ich eben diese Gruppe gefunden. Leider genau zu dem Zeitpunkt, als der bisherige Gruppenleiter keine Lust mehr hatte, weiterhin Gruppenleiter zu sein. Das war echt blöd, wo ich doch erst ein paar Mal dabei war.

Kurz nach dem Aufstehen – noch bevor ich in den Spiegel geschaut habe – habe ich mir ein Bild gemalt (da tröpfeln meine Gedanken besser), wie ich als perfekte Gruppenleiterin wohl aussehen sollte. Also ich meine, welche Eigenschaften ich wohl mitbringen sollte bzw. was sollte ich denn so können?

Dafür habe ich zufällig in einem kleinen Heft zu Suchtgruppen nachgelesen und folgendes gefunden:
Organisieren, Gruppe bewerben, Öffentlichkeitsarbeit, Vernetzen, Moderieren, Kontakte halten, Neue begrüßen, Themen überlegen, Kreativ sein, Gruppe zusammenhalten, Probleme ernst nehmen, Unternehmungen organisieren… Mir schwirrt der Kopf! Das alles und noch mehr?? Das klingt doch nach einem Halbtagsjob – und das neben meinem Vollzeitjob?

Und als mir der Kopf so schwirrte, habe ich versehentlich in den Spiegel geschaut, was ich normalerweise eigentlich erst nach der ersten Tasse Kaffee mache. Und da sprach mein Spiegelbild zu mir:
Naja, du kannst ganz passabel reden, du kannst meistens den Überblick behalten, du bist manchmal pünktlich, du vergisst manchmal gar nichts, du organisierst äußerst ungern irgendwelche Ausflüge, aber nimmst gerne teil, du bist selten bis gar nicht kreativ, du hast keine Lust auf Infostände, du triffst dich gerne mit anderen Gruppen zum Austauschen, du bist humorvoll – reicht halt nicht!

Ich traf eine neue Entscheidung: Zuerst brauch ich mal ne Tasse Kaffee, schön groß, schön heiß, mit viel Milch. Dieser Becher Kaffee hatte es in sich und brachte mir die Erkenntnis: Nee du, das machste nich! Das ist doch viel zu viel Verantwortung! Und überhaupt, wir sind doch eine Gruppe und ich habe doch eine Gemeinschaft gesucht!

Ich drückte den Reset-Knopf, legte mich ins Bett und begann von vorne.

Heute morgen, kurz vor dem Aufstehen, habe ich beschlossen, wieder mehr Schwung in unsere Selbsthilfegruppe „Einsamkeit war gestern“ zu bringen.

Kurz nach dem Aufstehen – noch bevor ich in den Spiegel geschaut habe – habe ich mir ein Bild gemalt (da tröpfeln meine Gedanken besser), wie das funktionieren könnte: Bernhard wird die Kontaktperson für Neue, weil der immer so herzlich ist. Karin könnte doch einen Instagram-Account für die Gruppe aufmachen und dort Szenen aus der Gruppe posten, um für uns zu werben, das kann sie, erzählt sie ja immer. Yvonne soll moderieren, zumindest die nächsten Male, die bringt dafür viel Gruppenerfahrung mit und behält immer den Überblick. Ich geh zu regionalen Netzwerktreffen, um uns mit anderen Gruppen zu vernetzen. Jürgen gründet eine kleine Orgagruppe, die Unternehmungen plant und durchführt, darauf hat der doch immer total Bock.

Und als fast alles so richtig verteilt hatte, habe ich versehentlich in den Spiegel geschaut, was ich normalerweise eigentlich erst nach der ersten Tasse Kaffee mache. Und da sprach mein Spiegelbild zu mir: Das könnte ein neuer Anfang sein, aber du solltest unbedingt, echt unbedingt all die anderen aus der Gruppe in deine Überlegungen mit einbeziehen.

Denn – und jetzt hör mir gut zu: Wenn du die Kraft der gemeinschaftlichen Selbsthilfe spüren willst, diese Kraft, die tatsächlich Berge versetzen kann, dann müsst Ihr diesen Weg gemeinsam gehen, müsst die Aufgaben verteilen, müsst euch gegenseitig im Reden und Tun unterstützen. Dann könnt Ihr diese sprichwörtlichen Berge versetzen, wie einst die Krüppelbewegung in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts. Deutschland war weit entfernt von jeglichem Inklusionsgedanken. Die Krüppelbewegung setzte den Grundstein für das, was wir heute haben: Fast jede Kommune hat eineN InklusionsbeauftragteN, die den Prozess zu mehr Inklusion und Teilhabe am Laufen halten soll. Und all die rechten und extrem rechten Parteien, die derzeit dafür die Gelder kürzen wollen, werden sich in den nächsten Jahren mit dieser Kraft der Betroffenen auseinandersetzen müssen!

Ich brühte mir einen großen Becher Kaffee, schön heiß mit viel Milch und freute mich ungemein auf unser nächstes Gruppentreffen, auf unsere kleine Gemeinschaft, die sich selbst trägt und die bei Bedarf Gesellschaft mit gestalten kann.

Über Selbsthelferin

Avatar-FotoEher schon älter. Begeisterte Anhängerin der gemeinschaftlichen Selbsthilfe. Gibt alles für den Erhalt der demokratischen Grundwerte in unserer Gesellschaft.