Jan Freihöfer aus Neunkirchen am Sand wird 2024 akutstationär behandelt. Als er danach eine Selbsthilfegruppe für junge Erwachsene mit Depression sucht, findet er keine in seiner Nähe. Deswegen baut er jetzt seine eigene auf – zusammen mit Kiss Nürnberger Land
Nürnberger Land – Als Jan Freihöfer eines Tages seinen Bruder anruft, will er von seiner Frau erzählen – und wie viel das alles gerade für ihn ist. Die Schwangerschaft, die Geburt und ihre postpartale Depression. Und zwischendurch, immer wieder, erklärt er seinem Bruder: Ihm gehe es ja gut. Und je öfter er das sagt, desto weniger stimmt es. „Je mehr ich erzählt habe, umso mehr habe ich realisiert, dass es mir eigentlich schon lange überhaupt gar nicht gut geht“, sagt er im Gespräch mit dem kiss.blog.
Das Telefonat ist längst nicht der Beginn einer Depression – die trägt der damals 31-Jährige schon länger mit sich, ohne es sich selbst einzugestehen. Denn die Jahre davor häufen sich: ein Beruf als Erzieher, der ihn aushöhlt, statt ihm Energie zu geben, die Corona-Zeit, die kaum Luft zum Atmen lässt, eine schwierige Schwangerschaft seiner Frau – alles gleichzeitig, und er als derjenige, der einfach nur funktionieren will. Ende 2021, da geht es einfach nicht mehr, begibt sich Freihöfer in ärztliche Behandlung, gefolgt von der ersten offiziellen Diagnose: Depression. Im September 2024 befindet sich Freihöfer dann drei Wochen lang akutstationär in einer psychiatrischen Klinik.
Zu alt oder nicht mehr aktiv
Noch in der Klinik beschließt er, sich nach seinem Aufenthalt eine Selbsthilfegruppe zu suchen, will mit anderen Betroffenen über seine Erlebnisse und Ängste sprechen. Bereits im Jahr 2022, während einer ambulanten Behandlung, hatte Freihöfer Kontakt mit einer solchen Gruppe – und schon da gespürt, was es ihm bedeutet, wenn jemand nicht einfach nickt, um höflich zu sein, sondern weil er wirklich versteht, was in dem Menschen gegenüber vor sich geht. “Auf einmal gibt es Verständnis und nicht mehr nur Höflichkeit“, sagt er und ergänzt: “Man merkt: Man ist doch nicht alleine mit seinen Problemen.“
Als er wieder zu Hause ist, ist der Weg zurück in eine Gruppe allerdings holpriger als erwartet, nicht zuletzt, weil Freihöfer mit sich hadert. Über drei Monate lang überlegt er, ob er wirklich Kontakt mit Kiss aufnehmen soll. Es ist ein Kreislauf: Freihöfer ist depressiv. Genau die Schritte, die ihm helfen würden, schafft er nicht zu gehen. Als er schließlich doch anfragt, meldet sich die erste Gruppe nach zwei Wochen, das Ergebnis ernüchternd: man sei kaum noch aktiv. Die zweite Gruppe traut er sich zuerst gar nicht erst zu kontaktieren. Denn der Ansprechpartner ist über eine Festnetznummer mit vier Stellen nach der Vorwahl erreichbar – ein Hinweis darauf, dass es sich um eine ältere Person handelt. Und auch die E-Mail Adresse gibt hierauf Hinweise, weil es sich um eine gemeinsame Adresse eines Ehepaares handelt. “Ich habe dann recherchiert, wer das ist”, sagt Freihöfer. Seine Befürchtung bestätigt sich. “Ich habe herausgefunden, dass es sich um eine rund 60 Jahre alte Heilpraktikerin handelt.” Zwar habe er nichts gegen diesen Berufszweig, doch äußert er gegenüber der Redaktion seine damaligen Bedenken: Freihöfer will in einer Selbsthilfegruppen mit Menschen sprechen, die im selben Alter sind und eben genau die gleichen Probleme nachvollziehen kann, die etwa ein frisch gebackener Vater mit Depressionen hat.
Den dritten Versuch startet er mit einer klaren Bitte an Kiss: Er wolle eine Gruppe für junge Erwachsene. In Nürnberg wird er dann fündig, die Gruppe passt, das Alter der Teilnehmenden auch. Ab Ende Februar fährt Freihöfer dann regelmäßig nach Nürnberg, nimmt an den Gruppensitzungen teil. Es gibt nur ein Problem: Freihöfer braucht nach Nürnberg und zurück jeweils gut eine Stunde Fahrt. Zwar tut ihm die Gruppe gut, als Dauerlösung sehen will er diese große Entfernung aber nicht.
Gleiches Leiden, andere Wahrnehmung
Warum für Freihöfer das Alter in einer Selbsthilfegruppe so viel ausmacht, beschreibt er ganz pragmatisch: Grundthemen wie Erschöpfung, Rückzug oder Schuldgefühle würden alle kennen, die mit Depression leben – die sind altersunabhängig. Aber der Alltag, aus dem heraus diese Gefühle entstehen, so der 35-Jährige, sehe eben anders aus, als bei einem 60-Jährigen. „Der Alltag ist einfach so extrem unterschiedlich“, sagt er. Wer über einen Arbeitgeber spricht, der Erreichbarkeit rund um die Uhr erwartet, über Eltern der Boomer-Generation, die Einschränkungen nicht als real anerkennen, über soziale Medien als tägliche Belastung, der brauche keine Mitglieder in einer Gruppe, die zwar mitleidig zustimmen, aber aufgrund ihres Alters das Problem gar nicht als real nachvollziehen können.
Deswegen will Freihöfer selbst eine Gruppe gründen, bestenfalls direkt an seinem Wohnort. Dafür absolviert er im Herbst 2025 über das Kiss Nürnberger Land eine Schulung als sogenannter “In-Gang-Setzer” – drei Wochenendtermine, nach denen er neue Gruppen in ihrer Anfangsphase begleiten und stabilisieren kann. Über Kiss bringt er in Erfahrung, dass es im Nürnberger Land schon mehrfach Nachfrage nach verschiedenen Gruppen gegeben habe – sogar speziell nach einer für junge Erwachsene mit Depression. Es habe sich nur niemand gefunden, der das federführend anpacke, sagt er. “Ich wusste, es ist Potenzial da.“ Also entscheidet sich Freihöfer, das Thema selbst in die Hand zu nehmen.
Der Bahnhof als Mittelpunkt
Die Suche nach einem geeigneten Raum führt ihn ins Bahnhofsgebäude von Neunkirchen am Sand. Das Gebäude gehört der Gemeinde und ist aktuell an den örtlichen Kultur- und Freizeitverein verpachtet. Der Verein findet die Idee sogar so gut, dass er seinen eigenen Raum zur Verfügung stellt, in dem sich die Mitglieder für ihren monatlichen Stammtisch treffen und verlagert diesen in eine hiesige Gastwirtschaft, um Platz für die zukünftige Selbsthilfegruppe zu machen. Auch Kaution und Miete für die Nutzung des Raumes werden durch den Verein gestundet, bis eine Förderung beantragt werden kann. Selbsthilfegruppen, die sich um eine anerkannte medizinische Diagnose herum bilden – bei Freihöfers Gruppe ist das Depression -, können bei den Krankenkassen Fördermittel beantragen. Die Kassen sind gesetzlich verpflichtet, einen kleinen Anteil ihrer Mittel für Selbsthilfeinitiativen bereitzustellen.
Der Standort ist für Freihöfer optimal. Züge aus drei Richtungen halten in Neunkirchen am Sand: aus Hersbruck, aus Lauf und über die Pendelstrecke aus Schnaittach. Deswegen passt Freihöfer die Zeiten für die Treffen direkt an den Fahrplan der Deutschen Bahn an. “Das Ziel ist es, dass alle vor und nach den Treffen nicht zu lange warten müssen, bis sie wieder in den Zug einsteigen können”, sagt der Gruppenleiter.
Unterstützt wird Freihöfer bei seiner Gründung von Kiss Mittelfranken, dem Trägerverein hinter den insgesamt fünf Beratungsstellen in der Region, darunter Kiss Nürnberger Land in Hersbruck. Unter diesem Dach sind über 900 Selbsthilfegruppen in Mittelfranken organisiert. Wer Interesse hat, mitzumachen, sei es durch eine eigene Gruppe, oder weil er in eine Gruppe möchte, kann sich direkt an Kiss wenden und wird entsprechend weitergeleitet. Bewusst läuft der erste Kontakt direkt über den Verein. Gerade bei psychischen Erkrankungen prüft Kiss zunächst in einem Gespräch, ob Interessentinnen und Interessenten stabil genug für eine Selbsthilfegruppe sind und ob die Person überhaupt zur Gruppe passt. Wer etwa gerade in einer akuten Krise steckt, brauche zuerst professionelle Unterstützung, keine Selbsthilfegruppe. Das schütze auch die anderen Teilnehmer.
Freihöfers Gruppe ist bereits gestartet
Für Jan Freihöfer zumindest, hat der Weg in eine andere Selbsthilfegruppe bereits begonnen. Am Dienstag, 2. Juni, haben sich die Teilnehmer das erste Mal getroffen. Und das mit Erfolg: Insgesamt vier Teilnehmer haben der ersten Gruppensitzung beigewohnt.
Der Erstkontakt zu Freihöfer läuft über eine Signal-Eingangsgruppe: Wer zu den Gruppensitzungen gehen will, tritt zuerst einer offenen Gruppe bei und nimmt damit Kontakt auf. Freihöfer meldet sich dann in einem Privatchat, um in einem kurzen Gespräch abzuklären, wer die Person ist und was sie genau sucht. Wenn alles passt, ist der Weg zur Gruppe frei.
Wer Interesse hat, an der neuen Gruppe von Jan Freihöfer teilzunehmen, kann sich jederzeit bei Kiss Nürnberger Land melden – entweder persönlich in der Geschäftsstelle am Unteren Markt 2 in Hersbruck, telefonisch unter 09151 908 44 94 oder per E-Mail an nuernberger-land@kiss-mfr.de.