Öffentlichkeitsarbeit in der Selbsthilfe. Warum ist es eigentlich so wichtig, dass Selbsthilfegruppen auf sich und ihre Themen aufmerksam machen?
Der Begriff „Öffentlichkeitsarbeit“ wurde in Deutschland erstmals 1917 von August Hinderer (Direktor des evangelischen Presseverbandes) gebraucht. Heute sprechen wir eher von PR (Public Relations). Dieser Begriff, heißt es, wurde an der Universität Yale (USA) 1882 verwendet. Forscht man im Internet weiter, findet man viele Definitionen. Ebenso viele Ratschläge, diese Arbeit sinnvoll zu gestalten.
Der Begriff lässt sich in verschiedene Bereiche, Ziele und Maßnahmen unterteilen. Öffentlichkeitsarbeit beschreibt alle Maßnahmen, die eine Organisation unternimmt um ihr Bild in der Öffentlichkeit zu gestalten.
In Selbsthilfegruppen versuchen wir, u.a. auf unsere verschiedenen Beeinträchtigungen aufmerksam zu machen und damit die Akzeptanz im Alltag zu steigern.
Am Beispiel meiner Gruppe, möchte ich versuchen zu erklären, was für mich Öffentlichkeitsarbeit bedeutet.
2004 wurde ich Teil der Leitung einer Sehbehinderten- und Blinden-Gruppe. Wir hatten die Möglichkeit unsere Ideen und Ziele ungebremst zu verwirklichen. Trotz unserer unterschiedlich fortgeschrittenen Einschränkungen wollten wir viele Dinge versuchen.
Damals war unser Ziel, auszuprobieren was alles möglich ist. Dass wir dadurch schon Öffentlichkeitsarbeit leisteten, war uns anfangs nicht bewusst.
Wir begannen mit Museumsbesuchen, Stadtführungen und kleinen Gruppenreisen. Die öffentlichen Verkehrsmittel brachten uns an unsere Ziele. Eine Führung für Sehbehinderte und Blinde war für die Leute, die uns führten völliges Neuland. Eine kurze Erklärung unsrerseits und wir erlebten meist wunderbar unterhaltsame Führungen mit einfühlsamen Menschen. So hatten wir regen Austausch mit unseren Mitmenschen und jeder nahm dabei etwas mit. Ich erinnere mich an erstaunte Gesichter und die Frage: „Was wollt ihr denn mit Blinden im Museum?“
Wir besuchten andere Betroffenen-Gruppen, erst in unserer Nähe und bald in ganz Deutschland. Unsere jährlichen Reisen führten uns in alle Himmelsrichtungen.
Bis heute sind wir so unternehmungslustig geblieben. Der Weg zu unserem monatlichen Treffen, jeder Besuch in einem Museum, einer anderen Stadt oder einem Lokal bedeutet für mich Öffentlichkeitsarbeit.
Ich bin offen für jede Frage, egal ob es ein Hilfsangebot oder eine Frage zu meiner Beeinträchtigung ist und sehe jeden Gang aus dem Haus als Öffentlichkeitsarbeit.
Eine Begebenheit:
Ich jongliere mich mit meinem Langstock durch eine Baustelle an der Straße, als ich von einem Straßenarbeiter angesprochen werde. „Soll ich ihnen helfen? Ich hätte da auch mal eine Frage. Ich verlege schon seit Jahren Streifen für Blinde und weiß garnicht was die bedeuten. Können sie mir das mal bitte erklären?“ Da ich es eilig habe, bitte ich um seine Mailadresse. Zwei Tage später bekam er von mir eine Erklärung zum Leitsystem für Sehbehinderte und Blinde.
Über die vielen Jahre fällt mir, was den Umgang mit eingeschränkten Menschen betrifft, ein hoffnungsvoller Wandel auf. Wenn wir uns offen zeigen, egal mit welcher Beeinträchtigung, müssen wir natürlich auch mit Fragen und eventuellen Auseinandersetzungen rechnen. Nicht jeder wird freundlich sein, wir sollten versuchen es zu bleiben.
Es gibt viele Wege in der Öffentlichkeitsarbeit. Bei uns Sehbeeinträchtigten und Blinden ist der Langstock unser Merkmal. Dieses Utensil macht uns zu Botschaftern in der Gesellschaft und ist unser persönlicher Beitrag für Gleichberechtigung im Alltag.
Versteckt euch nicht, lasst uns gesehen werden.