Nach zweieinhalb Jahren Diagnosemarathon, um herauszufinden, warum mein linkes Auge immer wieder plötzlich blind wird, gibt es inzwischen zumindest eine plausible Erklärung. Vermutlich sind die typische Haltung beim Gehen mit Gehstützen, die starke Belastung der linken Schulter und bestimmte Kopfhaltungen dafür verantwortlich. Dabei wird wohl ein Nerv oder ein Blutgefäß so beeinträchtigt, dass die Sehstörungen ausgelöst werden. Die Versorgung des Gehirns hat eben Vorrang vor der des Auges, erklärte man mir. Gut zu wissen – nur hilft mir dieses Wissen im Alltag leider herzlich wenig.
Die Konsequenz: Mir wurde ein faltbarer Elektrorollstuhl als Hilfsmittel verordnet. Mehr Mobilität, weniger Kraftaufwand, größere Reichweite – objektiv betrachtet eine rundum gute Sache.
Objektiv.
Subjektiv sieht das manchmal ganz anders aus.
Im Urlaub war der Einstieg überraschend leicht. Ich setzte mich in den Elektrorollstuhl und fuhr los. Ohne großes Nachdenken. Mein Gedanke war schlicht: „Hier kennt mich niemand.“ Niemand weiß, wie ich früher unterwegs war. Niemand kennt meinen „Vorher-Zustand“. Niemand schaut zweimal hin.
Zuhause ist das eine ganz andere Geschichte.
Da steht der Elektrorollstuhl in der Diele und ich ertappe mich dabei, wie ich überlege, ob ich den kurzen Weg zum Bäcker nicht doch lieber mit dem Auto fahre. Vernünftig ist das nicht immer. Aber das Herz diskutiert bekanntlich selten mit dem Verstand – und gewinnen will es auch noch.
Eigentlich weiß ich genau, warum mir der Elektrorollstuhl verordnet wurde. Er soll meine Kräfte schonen. Gerade wir Menschen mit den Folgen einer Kinderlähmung, dem Post-Polio-Syndrom, wissen, dass Energie ein kostbares Gut ist. Was morgens leicht erscheint, kann sich am Nachmittag rächen. Der Elektrorollstuhl soll genau das verhindern.
Und trotzdem fühlte sich die erste Fahrt durch die eigene Nachbarschaft schwieriger an als die ersten Kilometer im Urlaub.
Warum?
Ich glaube, weil ein Hilfsmittel nicht nur praktisch ist. Es verändert auch unser Selbstbild. Mit jedem neuen Hilfsmittel verabschieden wir uns ein Stück von dem Bild, das wir jahrelang von uns hatten. Erst die Unterarmgehstützen. Dann vielleicht der Rollator. Und irgendwann der Elektrorollstuhl.
Das klingt dramatischer, als es sein müsste. Denn tatsächlich passiert etwas ganz anderes.
Der Elektrorollstuhl nimmt mir keine Freiheit. Er gibt sie mir zurück.
Plötzlich werden Wege wieder möglich, die ich vorher vermieden habe. Ein Stadtbummel muss nicht nach der Hälfte abgebrochen werden. Ein Zoobesuch endet nicht mit der Frage, wo die nächste Bank ist. Und am Ende des Tages bleibt vielleicht sogar noch genügend Kraft übrig, um den Abend zu genießen.
Wenn ich ehrlich bin, interessiert sich wahrscheinlich kaum jemand dafür, ob ich laufe oder fahre. Die meisten Menschen nehmen es zur Kenntnis und gehen ihres Weges. Die kritische Stimme sitzt meistens nicht auf der Parkbank oder hinter dem Gartenzaun – sie sitzt zwischen den eigenen Ohren.
Ich merke inzwischen, dass jede Fahrt ein kleines bisschen selbstverständlicher wird. Aus dem „Soll ich wirklich?“ wird langsam ein „Warum eigentlich nicht?“. Vermutlich ist das ein ganz normaler Prozess.
Und vielleicht sollten ich mir selbst den Rat geben, den ich anderen Betroffenen sofort geben würde: Nutze das Hilfsmittel. Nicht weil du etwas verloren hast, sondern weil du dir damit ein Stück Lebensqualität zurückholst.
Die größte Hürde sitzt eben oft nicht im Rollstuhl – sondern im Kopf.