Älter werden, was ist das?
Ich habe wohl zu schnell den Finger gehoben, als dieses Thema in der letzten Sitzung angesprochen wurde.
Ich und alt? Nach den Jahren schon, aber ich scheine da irgendwie durchgerutscht zu sein. Keine Zeit zum Altwerden. Aber irgendwann muss man sich dem stellen.
Als meine Tochter gut in der Schule integriert war, konnte ich mir Arbeit suchen.
Zunächst etwas Handwerkliches, aber dann Büroarbeit. Hier gab es zunächst noch elektronische Schreibmaschinen und dann kamen die ersten Computer, von einigen Kolleginnen misstrauisch betrachtet, denn so ein „Personal-Computer“ konnte doch nur Überwachung bedeuten?
In der letzten Firma, in der ich 22 Jahre tätig war, war „Computer“ dann Alltag.
Es gab Weiterbildungen, und wenn man nicht weiterwusste oder ein Fehler auftrat, gab es den „UHD“, den User-Help-Desk, die halfen dann weiter.
Nun, im Ruhestand, ist meine Tochter manchmal der UHD…
Ja, ich habe ein IPhone und ein IPad, auch das Auto ist mit Navi und Telefon ausgestattet. Trotzdem ist es mir kürzlich gelungen mich in der Altstadt total zu verfranzen. Ich wollte in die Obere Schmiedgasse, diese ist nur in einer Richtung befahrbar. Kein Problem! Ich hatte mir die Route vorher angesehen und wusste ungefähr, wo es lang ging. Kaum saß ich im Auto, streikten beide Geräte, was tun? Ich hatte ja einen Termin! Also los, aber es war wie verhext, hier gesperrt, da Baustelle, dort Einbahnstraße, ich fand immer nur die „falsche“ Seite de Oberen Schmiedgasse. Keine Parkmöglichkeiten und nur Touristen, keine Nürnberger die ich hätte fragen können. Genervt kroch ich schließlich weiter Richtung Ausgang aus der schönen Altstadt.
Ich sehe die Leser und Leserinnen etwas schadenfroh schmunzeln, bitte sehr!
Ich gebe zu, da hätte ich gerne einen ordentlichen papiernen Stadtplan gehabt.
Wobei ich nun beim „Digital“ angekommen bin. Wie schön ist es doch z.B. eine eben fotografierte Pflanze mit einem „Wisch“ bestimmen zu können, oder?
Andererseits nervt es mich schon, wenn ich andauerned neue Versionen beachten soll, oder ich neue Apps herunterladen soll. So viel Schrott ist da dabei, aber man muss ja auch nicht alles anwenden.
Kritisch sehe ich allerdings die, meiner Meinung nach, zu schnelle digitale Entwicklung bei den öffentlichen Verkehrsmitteln. Zunehmend werden die Automaten abgeschafft, sodass ein Mensch, der sich nicht die VGN-App heruntergeladen hat, ganz einfach, weil er kein IPhone hat, warum auch immer, zum Bahnhof muss, um dort eine Fahrkarte zu kaufen. Das grenzt schon an Diskriminierung, finde ich.
Ja, und was tue ich sonst in meinem „alten Alltag“?
Regelmäßige Arztbesuche, muss ja sein, Physiotherapie, das gefällt mir.
Vor allem pflege ich die Kontakte zu Menschen, die ich gerne mag, das ist ganz wichtig.
„Geschichtla“ schreiben (ich liebe die fränkische Mundart!) für den Kiss Blog, oder auch nur so. Meine Gesprächsgruppe besuchen, das ist auch immer interessant.
Seit einem Jahr bin ich Lesementorin an einer Grundschule. Bisher hatte ich Kinder aus der zweiten Klasse, mal sehen, was im nächsten Schuljahr kommt.
Diese „Arbeit“ macht mir viel Freude und ich habe bisher selbst auch viel dazugelernt.
Alt sein? Mach was draus!
Selbsthelferin ergänzt:
Älter werden
oder wie viele Bahnen ich im Freibad schwimmen kann
Seit kurzem lebe ich in einem kleineren Ort in Niederbayern – 2.000 Einwohner*innen, mindestens 400 Hühner plus Hahn, etwa sechs Ponys, zwei Tankstellen, zwei Bäckereien, zwei Ärzt*innen, eine Metzgerei, ein Gymnasium, eine Gaststätte und ein Freibad.
Entscheidend für diesen Text hier ist das Freibad, alles andere ist nur Beiwerk.
Und was hat das Freibad nun mit dem Älterwerden zu tun?
Da das Wetter nicht mehr die optimale Wärme für das Baden im Freien verspricht, sind ab ca. 17 Uhr nur noch graue Köpfe (einschließlich mir) im Wasser zu sehen. Gemütlich geht es zu. Schwatzend und lachend ziehen sie ihre Bahnen.
Es gibt keine Kopfsprünge mehr, keine A…bombe, stattdessen lasse ich mich auf dem Rücken treiben, betrachte die Wolken am blauen Himmel, freue mich über große Schwärme von Staren und sogar Störche lassen sich für ihren Flug in den Süden immer höher schrauben – es fühlt sich an wie täglich Urlaub!
Aber da ist kurz vor der Leiter, an der ich aus dem Becken klettere, etwas, das doch noch nicht ganz an Bedeutung verloren hat:
Wie viele Bahnen habe ich heute eigentlich geschafft? Es sind nicht mehr so viele wie früher, trotzdem brauche ich für diese Bahnen so lange wie früher für die vielen Bahnen. Ja, das Leben ist im Alter langsamer geworden. Alles braucht mehr Zeit. Und wie schön: meine Rente erlaubt mir, mir diese Zeit zu nehmen! Meinen Rhythmus zu leben, meinen Vorlieben nachzugehen!
Eine großartige Errungenschaft in unserem Sozialstaat, die hart erkämpft wurde und die uns niemand nehmen sollte!!!
* Unter dem Titel „Eins weitergedacht“ veröffentlichen wir auf dem kiss.blog regelmäßig Texte, in denen sich zwei Autor*innen zu einem bestimmten Thema zu Wort melden. Hier geht es um verschiedene Perspektiven: Mal Pro und Contra, mal Frage und Antwort, mal Aktion und Reaktion.